Was ist für Sie der Grund gewesen sich für Zeitz als Ausstellungsort zu entscheiden? Man hätte die Ausstellung ja auch am wesentlich bekannteren Standort in Naumburg präsentieren können, zumal es Naumburg ja ebenfalls Teil des Bistums.

Der Anspruch ist mit langfristigen Zielen verbunden, Zeitz dabei zu Unterstützung eine kulturelle Größe in Mitteldeutschland zu werden. Das ist ein Prozess der viel Kraft und Zeit erfordert. Nach der Industriegeschichte Zeitz` und dem seit der Wiedervereinigung erlebt Zeitz eigentlich immer wieder ein Auf und Ab, welches bisher auch weniger Berührungspunkte mit Kultur hat. Dies möchte wir für Zeitz stärker in den Fokus rücken und durch die Ausstellung, die wir bewusst in Zeitz angesiedelt haben, fördern.

Ist für den Standort Zeitz dahingehend bereits etwas Nachhaltiges geplant?

Ja da ist durchaus was in Planung. Das Gelehrtenzimmer beispielsweise ist so konzipiert, dass es bestehen bleiben kann und selbst wenn die Ausstellung vorbei ist und die Exponate anderer Leihgeber wieder zurück müssen, so haben wir ja noch einen eigenen Bestand, wodurch es uns möglich gemacht wird Exponate auszuwechseln. Insofern ist es für uns wichtig die Gestaltung der “Pflug-Puppe“ als Identifikationsfigur vor Ort bleibt und auch für Besucher zugänglich gemacht wird. Daher wurden Rahmen der Ausstellung ja auch die Bücherregale verglast, damit es auch langfristig für jedermann einsehbar ist.

Ist geplant, dass die Bibliothek nach der Ausstellung vielleicht sogar feste bzw. tägliche Öffnungszeiten hat?

Auf jeden Fall und auch ihre Benutzbarkeit soll verbessert werden. Aber da arbeiten wir derzeit noch an Lösungen, da ja hierfür auch wiederum neue Stellen geschaffen werden bzw. Gelder zur Verfügung stehen müssen.

Welche Relevanz hat die Ausstellung für die heutige Zeit?

Die Ausstellung hat eine hohe Relevanz für die Gegenwart, weil Sie versucht die Entwicklung einer Entfremdung des 16. Jh. die bis heute angedauert hat, zu skizzieren und gleichzeitig ein stückweit ein Resumée zieht wo wir denn heute stehen. Gibt es nicht inzwischen viel mehr Positionen, die durch das Bemühen von beiden Seiten erreicht worden sind, die erkennen lassen, dass eine Aufspaltung in zwei Konfessionen uns fragen lässt: Ist die Aufspaltung in zwei Konfessionen nach 500 Jahren noch sinnvoll? Was trennt uns eigentlich noch? Und genau diese Frage zu stellen und dem Besucher dies vor Augen zu führen, ist etwas von großer Wichtigkeit in unserer heutigen Zeit. Die Ausstellung soll einen Anstoß liefern, dass viel mehr Menschen sich mit dieser Materie auseinandersetzen, hinterfragen und so in naher Zukunft Fortschritte erzielt werden können.

Wie sehe denn Ihrer Meinung nach eine Lösung aus?

Das ist natürlich eine Frage, die sehr viel Überlegung bedarf, aber worum es erst einmal geht ist doch, dass die grundsätzlichen Probleme des 16. Jh. nicht mehr relevant sind. Die Frage der Rechtfertigung ist durch eine gemeinsame Erklärung durch die katholische und evangelische Seite gelöst. Die Frage des Papstes da gibt es durchaus Möglichkeiten wie man damit umgeht und wenn wir die Rolle des gegenwärtigen Papstes sehen, dann kann man wohl feststellen, dass er in seiner Vorbildwirkung eine solche Relevanz genießt, dass man sich auch von evangelischer Seite Fragen muss, wie man damit umgeht! Und auch gewisse andere Punkte wie beispielsweise die apostolische Suksession, die Martin Luther wehement bekämpft hat, muss man schauen wie die lutherische Landes- und Staatskirche von Schweden die Frage behandelt hat. Sie hat apostolische Suksession ein zu eins übernommen und die anglikanische Kirche auch, also scheint es ja kein theologisches Problem zu sein auf das sich eine evangelische Seite nicht einlassen könnte – Fragezeichen!

Wir sind davon zeuge geworden, dass zwei unterschiedliche Staaten vereinigt wurden zu einem gemeinsamen Deutschland, das war ganz sicher auch keine einfach Aufgabe, warum sollte das nicht auch für zwei Konfessionen, die im Grunde genommen wenig haben was sie trennt, auch funktionieren?

Was können insbesondere jüngere Menschen aus der Ausstellung mitnehmen bzw. gibt es eine besondere pädagogische Komponente?

Gerade in unseren Breitengraden wird spürbar, dass der katholische und evangelische Glaube keine Bedeutung mehr hat, Jugendliche sind teilweise so fern von diesen Wertvorstellungen, dass es notwendig ist, die Jugendlichen zu konfrontieren worum es bei der Glaubensfrage überhaupt geht. Es wird sicherlich der Fall sein, dass viele sagen, es interessiert mich nicht, aber es wird auch viele geben die überrascht sein werden und sagen werden das hab ich einfach gar nicht gewusst. Und wenn wir gewissen Fragen einfach stellen oder auch Antworten anbieten, wie man es sich vorstellen kann, dann seh ich gar keinen anderen Weg als diesen.

Sind Sie eigentlich getauft? Welcher Konfession sind Sie zugehörig?

Ja ich bin evangelisch getauft. Aber ich muss gestehen, in der Auseinandersetzung mit dem Thema Julius Pflug, muss ich feststellen, dass das Wort evangelisch für mich nicht die ganze Wahrheit darstellt. Ich bin Christ und sehe die Zukunft der Religion im Zusammenwirken beider Seiten und das das was auf katholischer Seite passiert eben auch dazu gehört.

Wie würden Sie einem Atheisten die Ausstellung so schmackhaft machen, dass er trotz seinem möglichen Desinteresse an dem Thema Religion in die Ausstellung geht? Was ist Ihr Argument für Nicht-Gläubige?

Ich würde versuchen den Atheisten mit der eigenen Gegenwart zu packen. Wir sehen was Bewegungen die entstanden sind, wie Pegida für Folgen im öffentlichen Raum haben. Wir sehen täglich wie Emotionen geschürt werden, wie Verdächtigungen ungeprüft und ungehindert gegen andere geäußert werden können, die zur Verhärtung des sozialen Klimas führen können. Und ihm zu zeigen, dass diese ähnlichen Prozesse zur Zeit des 16. Jh., egal ob man katholisch, evangelisch oder calvinistisch war, dadurch Taten provoziert wurde, die die letztlich in der Katastrophe des 30-jährigen Krieges mündeten oder im Abschlachten der Hugenotten in Frankreich. Das sind Dinge die sollte man kennen und wissen wohin es führt. Das sollte man ebenso den Atheisten deutlich machen, dass es heutzutage nicht mehr reicht zu sagen „das interessiert mich nicht“ , der Mensch ist wie er ist, ob es um Religion geht oder um Rohstoffe, Markenprodukte etc. Es sind immer Anlässe gegeben die ins Chaos führen können und je besser man weiß wo hin es führen kann, wenn Hass verbreitet, provoziert und geschürrt wird, umso klarer wird der Umgang damit. Und deswegen sollten wir uns gerade in unserer heutigen Zeit, wo wir diesen Prozessen täglich begegnen, damit auseinandersetzen. Und gerade Pflug als jemanden kennenzulernen, der anders ist, der versucht diese Schärfen und Hasspredigten abzustellen und das mit einer Konsequenz die bewundernswert ist. Und er immer wieder versucht im Umgang mit anderes Denkenden eine Toleranz walten zu lassen, das sind Eigenschaften die uns alle imponieren können, egal ob man nun gläubig ist oder nicht. Und es sind menschliche Eigenschaften, die für die Gegenwart hochaktuell sind im Umgang mit den heutigen Herausforderungen, denen wir uns politisch und auch vor allem religiös ausgesetzt sehen. Wichtig ist auch zu wissen, was sind die Alternativen, denn es gibt sie, man muss sie nur kennen!

 

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Im Dialog mit Kurator Dr. Holger Kunde (Teil 1)